Buchtipp: Eckhart Nickel, Hysteria

Nur ein hysterischer Abfall?

Wolf Sander

 

„Mit den Himbeeren stimmt etwas nicht.“ Mit diesem seltsam anmutenden ersten Satz des Romans „Hysteria“ umreißt der Autor Eckhardt Nickel das Innerste seiner Hauptfigur Bergheim: Ein hypersensibler, hochgebildeter Unzeitgenosse, dem die Farbveränderung überreifer Himbeeren Endzeitängste bereiten.

 

Nickel lässt eine Welt entstehen, der wir Leser angesichts unserer ökologischen Probleme nur Positives abgewinnen könnten. Die Regierung, genauer wird Nickel nicht und uns soll es recht sein, hat die Direktive ausgegeben, den ökologischen Fußabdruck des Menschen auf ein Minimum zu begrenzen. Die Natur soll der Ursprünglichkeit zurückgegeben, der Mensch idealerweise unsichtbar werden.

 

Aus der Spannung von ökologisch nachvollziehbarer Notwendigkeit und dem menschlich kulturellen Wünschbaren entwickelt Bergheim seine Hysterie. Die Trennlinie zwischen Realität und (Wahn)-Vorstellungen wird immer weniger sichtbar. Das umso mehr, da Eckhardt Nickel alle Manierismen, die sich bei der Beschreibung von Wahnvorstellungen und Phantasmen geradezu anbieten, vermeidet. Der Leser hat das Gefühl, einem kühl-distanziertem Bericht zu lesen; freilich einem, der Frankensteins Labor beschreibt. Wer ist denn nun irre, die Wissenschaftler, die an der Rettung der Welt arbeiten oder Bergheim?

 

Eckhardt Nickels Roman „Hysteria“ lädt ein zu Gedankenspielen: wie sieht es bei dir, bei uns aus?  Wie gehen wir damit um, dass unsere Zivilisation an sich schon Umweltbelastung ist?  Wie lassen sich kulturelle Verfeinerungen in Übereinstimmung bringen mit einer ökologisch bewussten Lebensform?  Wohin führt radikalisierter Naturschutz?

 

„Hysteria“ beantwortet keine Fragen, bewertet keine Utopien. Das ästhetische Konzept des Verschwimmens von Realität und Phantasmen überlässt die Schlussfolgerungen dem Leser. Dem Autoren Eckhard Nickel sei ausdrücklich gedankt!

 

Eckhard Nickel

Hysteria

Piper 2018

240 S. – 22,00 €

 

Mehr zum Buch: http://bit.ly/hysteria_nickel

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