Wendepunkt

Jens Köster

 

Wir lassen den Sommer noch einmal auf uns wirken und staunen über die Temperaturstatistiken des Jahres 2018. Und in der Neuen Zürcher Zeitung lesen wir am Wochenende, dass es „...jetzt wieder früher spät wird."

 

Überrascht waren wir von der Vergabe des Deutschen Buchpreises an Inger-Maria Mahlke und ihrem Roman Archipel, wir hatten auf Die Katze und der General von  Nino Haratischwili oder Sechs Koffer von Maxim Biller getippt. Von der, zum Teil, depressiven Stimmung auf der Frankfurter Buchmesse, die an einigen Stellen zum grotesken Schauspiel leerer Gänge und überdrehten Promi Buch Neuvorstellungen wird, lassen wir uns nicht anstecken. Zum Glück wurden abseits der Hallen spontane Partys organisiert, die nicht in den traurigen Gesang der „nicht-lesenden-Gesellschaft“ einstimmen, wie es leider die vielen Lektoren und Organisatoren mit den leblosen Gesichtszügen tun.

 

Gerade jetzt, an dem Punkt, an dem wieder eine deutliche Spaltung der Gesellschaft in politischen und vielen anderen Ebenen des Zusammenlebens droht, ist und bleibt das Buch unersetzbar. Auch Blogger und die digitalen Nomaden erkennen dies schnell, wenn sie ihre Postings und Hashtags zwischen zwei Buchdeckel bringen und dies dann lautstark als das „Buch des Jahres“ veröffentlichen.

 

Die digitale Revolution frisst ihre Kinder. Nicht nur Franklin Foer, als einer unter vielen international wachsamen Autoren, erkennt in seinem Buch, Welt ohne Geistwie uns das Silicon Valley unsere Freiheit nimmt und uns in unserer Selbstbestimmung bedroht. Wie selbstverständlich nutzen wir jeden Tag alle digitalen Möglichkeiten und lassen unser Leben jetzt schon durch Algorithmen bestimmen.

Das Leben als Projektionsfläche

Was hier fehlt, ist ein Wertekanon im Netz, eine ethische Grundordnung. Wie soll ein zehnjähriges Kind in seinem YouTube Kanal dies lernen und erfahren? Wie gehen wir mit den Sätzen, die schnell bei WhatsApp eingetippt werden um, wenn diese einen Menschen persönlich-emotional verletzen? Welche Medienerziehung kann durch wen geleistet werden?

 

Ohne die entsprechenden Autoren, Verlage, Großhändler und Buchhändler wird es keine Orientierung im gefühlten Chaos der heutigen Gesellschaft geben. Sich mit einem guten Buch zurück zu ziehen und ganz bei sich selbst zu sein. Kein Coach, Berater oder Trainer dieser Welt kann die kreative Kraft, die ein Buch einem Menschen geben kann, liefern.

 

Natürlich wird es in den nächsten Jahren durch die Globalisierung und Digitalisierung und die politische Instabilität, Tag für Tag, noch komplexer für uns, die uns betreffenden Zusammenhänge zu begreifen. Literatur bietet nicht ein rein unterhaltsames Element sondern auch Orientierung und persönlichen Halt. Durch die Auseinandersetzung mit Sprache und Texten entsteht erst eine persönliche Haltung. Das Flimmern auf den TV Schirmen wird dies niemals erreichen. Bildung, als Schlüsselelement des toleranten gesellschaftlichen Zusammenlebens, kann sich nur durch und mit ausgezeichneter Literatur entfalten. Der kurze Fernseh- oder Instagram Moment führt zur oberflächlichen Betrachtung, aus der falsche Schlussfolgerungen über Menschen und Inhalte abgeleitet werden. Wie viele der Instagram Accounts sind echt? Wie viele werden von so genannten Bots, also Robotern gelenkt, die Menschen ein scheinbar so glückliches Lebensgefühle vermitteln? Manuela Lenzen zeigt, in Ihrem Buch zum Thema Künstliche Intelligenz, ohne uns zu belehren, sehr ansprechend und klar, welche Auswirkungen auf unser tägliches Leben durch maschinell gesteuerte Prozesse möglich sind. Das Leben als Projektionsfläche, unterstützt durch Fotos und Videos, die in einer Datenbank in Kalifornien kontrolliert und gespeichert werden. Gesellschaftliche Stimmungen werden von diesen so genannten Bots angestachelt und Informationen fließen in Millisekunden. Das Tempo wird zukünftig so hoch sein, das nur noch eine Maschine die notwendigen Rechenprozesse in angemessener Zeit ausführen kann.

Eine Zeit für lange Lesenächte

Jetzt kommt die wunderbare Herbstzeit und neben den vielen literarischen Neuerscheinungen haben wir eine Auswahl von so vielen interessanten, wie auch fordernden Büchern für Sie im Buchladen zusammengestellt. Gerade jetzt, wo der große (Vor-)Weihnachtsstress mit den schier unendlich wirkenden Listen (Baum kaufen, Geschenke planen, Plätzchen backen, Skiurlaub Buchung bestätigen, Winterreifen montierten, Winterschuhe kaufen, Wollmantel rausholen, Holz für den Ofen kaufen, Kerzen vom letzten Jahr raus suchen, Krippenspiel üben, Oma und Opa besuchen usw.) uns durch die Tage begleiten, ist genau die Zeit für den Rückzug mit Ihrem Lieblingsbuch und einer guten Tasse Tee oder Kaffee. Eine Zeit für lange Lesenächte. Eine Zeit zum Reflektieren.

 

Mehr denn je ist gerade jetzt der einzelne Mensch gefragt, die Themen für sich selbst zu ordnen, zu lenken und sich nicht lenken zu lassen. Mehr denn je ist schreiben, lesen und ein intensives diskutieren über Literatur maßgeblich für ein friedliches Zusammenleben einer Gesellschaft. 

 

Klaus Mann, der älteste Sohn Thomas Manns, schreibt in Der Wendepunkt, als seinen Lebensbericht, der erstmals 1942 in den USA auf englisch erschien und später auf Drängen seines Vaters 1952 in Deutschland veröffentlicht wurde:

 

"Bewährt sich unsere Generation, so hätten wir noch lange nicht das Paradies auf Erden, aber der historische Prozeß dürfte weitergehen, mit neuen Krisen, neuen Wendepunkten...Es ginge weiter, und das ist schon viel. Der Kampf, die Ungewissheit, die Angst, der Irrtum, alles würde fortgesetzt. Wir kämen nicht zur Ruhe. Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluß. 

Und dann? Auch am Schluß steht noch ein Fragezeichen."

 

Wir freuen uns, Sie persönlich im Buchladen zu allen literarischen Themen beraten zu können und wünschen Ihnen eine schönen und entspannten Leseherbst. 

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