Die Träume von Bethany Mellmoth

Wolf Sander

 

Bethany, twenty-something, wohnt mit einem Freund zusammen, dann wieder bei Mama oder doch lieber in einer seltsam zusammengewürfelten Wohngemeinschaft. Genau so häufig wie die Wohnungen wechselt Bethany Berufsträume, Aushilfsjobs und Partner.  Schlimme Sache, wenn man so gar nicht in das Raster einer Karrieregesellschaft passt, obwohl sie möchte, unsere Bethany in William Boyds „All die Wege, die wir nicht gegangen sind“.

 

Haben wir doch schon alles hinter uns. Denken wir, zurückgelehnt und angekommen im eigenen Heim, die Berufskarriere auf einem guten Weg und die Beziehung ganz in Ordnung, naja – zweiter oder dritter Versuch ist es auch – wird schon noch!

 

William Boyds Roman „Alle Wege …“ (den Rest des Titels spar ich mir – warum dazu später) liest sich erstmal gut, sehr gut sogar. Witzig, elegant und cool – very british eben. Mit dem Lesegenuss schleicht sich aber auch die Melancholie heran: ich träume mich weg in die eigene Jugend, Twens hießen wir damals, hatten den Kopf voller Ideen und konnten uns nicht vorstellen, Teil dieser stromlinienförmigen Leistungsgesellschaft zu werden. Lohnt nicht schon deshalb die Lektüre eines gut geschriebenen Buchs, das einen entführt aus dem Hier und Jetzt und die eigene Entwicklung sanft ‚hinterfragt‘, so nannten wir das damals? Und Träumereien sind dringend empfohlen, denn Boyds „Alle Wege …“ ist ein eher schmales Band, also genießen und nicht die ganze Tafel Schokolade auf einmal essen!

 

Leider verstellt sich der erst vor Kurzem gegründete Gatsby Verlag den Weg zur Lesegemeinde mit diesem ellenlangen Titel „All die Wege, die wir nicht gegangen sind“. Im Original heißt der Roman von William Boyd „The Dreams of Bethany Mellmoth“. Und im Traum geht man doch die Wege, die man im ‚richtigen‘ Leben als Erfahrung ausbuchen musste.

 

Noch so ein Spruch aus meinen frühen Jahren: ‚Der Weg ist das Ziel‘ drängt sich in meine melancholische Abendstimmung. „Die Träume von …“ wären doch der bessere Titel, der bessere Weg für William Boyds wunderschönen Roman gewesen.

 

William Boyd

All die Wege, die wir nicht gegangen sind

Gatsby-Kampa Verlag 2018

174 S. – 18,00 €

 

Mehr zum Buch: http://bit.ly/wege_boyd

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Kommentare: 1
  • #1

    Elka Baudis (Montag, 05 November 2018 08:36)

    Hallo lieber Herr Wolf, ich bin erst jetzt auf Ihren Blog aufmerksam geworden - ein paar Minuten bevor hier eine Gruppe von Teamleitern meinen Seminarraum einnehmen wird.

    Diese Beschreibung des Buches konnte ich gerade noch lesen und Ihre Worte gefallen mir sehr.
    Starten Sie gut in den Tag (und der Block wird mich vermutlich zu weiteren Käufen animieren - fragt sich bloß wohin mit all den Büchern?)

    Farbenfrohe Grüße vom Hahnemannplatz an die Burgstraße