Bruder und Schwester – kein Märchen

Wolf Sander

 

„für die Familie“, so widmet Michael Köhlmeier seinen neuesten Roman „Bruder und Schwester Lenobel“. Nicht seiner, Köhlmeiers Familie, sondern der Familie allgemein. Und so werden wir wissende Zuschauer einer einzigen großen Innenschau der Familie Lenobel: Robert, angesehener Psychoanalytiker und -therapeut; Ehefrau Hanna, Inhaberin der jüdischen Buchhandlung in Wien; die mehr oder minder wohlgeratenen Kinder Hanno und Klara; Roberts Schwester Jetti und der Freund der Familie Sebastian Lukasser, Schriftsteller.

 

Wien, Psychoanalyse – das ruft nach Freud. Und in der Tat, Köhlmeiers Roman ist eine Draufschau auf die Verästelungen der Seele. Von außen betrachtet, liebevoll, humorvoll, aber auch distanziert. Wir erleben das Älterwerden einer Ehe, lesen die Kommentare der Partner zu diesem Älterwerden. Und selbstverständlich ist erstmal alles nicht so wie es auf den ersten Blick erscheint: ein Ja ist eigentlich ein Nein, könnte aber auch ein Ja als Hilferuf sein, was aber auch wiederum so nicht gemeint ist.

 

Nichts ist beständig in diesem Roman. Weder die Weltanschauungen, Robert kämpft dauernd mit seiner jüdischen Abstammung, Hanna mit ihrer christlichen Identität als Inhaberin einer jüdischen Buchhandlung. Und erst die Liebe, die sich gerne als Affären tarnen, um sich dann doch als die große Liebe erweisen, die man ein Leben lang suchte.

 

Und das soll man lesen? Ja, doch, unbedingt. Es ist ja kein Panoptikum, das in Michael Köhlmeiers Roman „Bruder und Schwester Lenobel“ aufspannt. Wir begegnen weder Freaks und lebensuntauglichen Seelenkrüppeln. Wir begegnen uns, in unserer normalen Welt, stellen uns Fragen, die wir vielleicht ahnten, uns jetzt wohlformuliert stellen können. Wir erleben Familienalltag und die Nachbeben großer und kleiner Gefühlsausbrüche. Und Köhlmeier lässt alles in der Schwebe. Ja man könnte ihm vorwerfen, allzu freizügig mit Sympathien zu handhaben. Das ist der Charme des Romans. Wir blicken in Abgründe, die bei näherer Betrachtung doch nur Spiegelungen des Ichs in einer Pfütze stehengebliebenen Regenwassers sind. Oder doch nicht? „…- ja, nun meinte er zu wissen, wozu Bücher dienten: um Material zu liefern, wollte man so tun, als wäre man ein anderer…“ (Zitat aus „Bruder und Schwester Lenobel“). Lesen!

 

Und vielleicht finden andere Leser ja heraus, was die immer wieder eingestreuten, kursiv gesetzten Märchen zu bedeuten haben. Ich kann mir bis jetzt keinen richtigen Reim darauf machen.

 

Michael Köhlmeier

Bruder und Schwester Lenobel

Hanser Verlag 2018

 

543 S. – 26,00 €

 

Mehr zum Buch:  http://bit.ly/bruder_schwester_koehlmeier

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