Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Das Schweigen in Deutschland

Wolf Sander

 

Mir fiel Anette Hess Roman „Deutsches Haus“ eher zufällig in die Hände, nachdem mir nach zwei „schwierigen“ Lektüren der Lesestoff auszugehen drohte. Ich war verwundert, nicht weil gerade Hochsommer war und „Deutsches Haus“ mitten im Winter beginnt.

 

 

Eva Bruhns, um sie geht es im Roman in der Hauptsache, wird von der Staatsanwaltschaft Frankfurt als Übersetzerin angefordert. Sie soll die Aussagen eines polnischen Staatsangehörigen ins Deutsche bringen. Eva Bruhns, ganz Kind der 50er, 60er Jahre in Deutschland stolpert eher wie eine tumbe Torin in die Vorbereitungen des Auschwitz Prozesses. Sie fängt an misstrauisch zu werden, dem Schweigen in der Familie – Vater und Mutter wollen von der Vergangenheit nichts wissen, in der Gesellschaft – ihr Verlobter will Vergangenes ruhen lassen und sich ganz der geschäftlichen Entwicklung des ererbten Versandhandels widmen.

 

Annette Hess erzählt gekonnt, spannend und gut recherchiert über diese Zeit. So professionell, dass ich mich wunderte, noch nichts von ihr gelesen zu haben. Blick auf den hinteren Umschlagtext. Aha – Annette Hess hat die Drehbücher zu „Weissensee“ und „Ku’damm 56/59“ geschrieben. Mehrfach ausgezeichnet mit renommierten Preisen. Daher also das Können, auch sperrige Themen lesbar „rüberzubringen“.

 

Wir begleiten Eva Bruhns auf ihrem Weg der Bewusstwerdung deutscher Zeitgeschichte. Aus heutiger Sicht stellen wir verwundert fest, wie wenig wir über die Zeit 1955 bis 1965 wissen, wie wenig aber auch die Nachkriegsgeneration über das jüngst zusammengebrochene Großdeutsche Reich wusste bzw. wissen wollte. Und wir Älteren beginnen uns zu erinnern, wie mühselig und schmerzhaft es war, unsere Eltern und Großeltern dazu zu bringen, etwas über ihr Leben in Nazideutschland preiszugeben.

 

Anette Hess‘ „Deutsches Haus“ ist so etwas wie ein Roman über die Verhältnisse, die 68 und den folgenden Jahren zugrunde liegen: Die Weigerung der Kriegsgeneration, sich der Geschichte und der eigenen Verantwortung zu stellen. Geschickt verbindet Annette Hess gesellschaftliche und persönliche Entwicklung. Eva Bruhns nähert sich nicht nur der dunklen Seite deutscher Geschichte, sondern auch der ihrer Eltern. Und sie emanzipiert sich von den Rollenklischees, wie eine „gute“ deutsche Frau zu sein habe.

 

Manches ist im Roman „Deutsches Haus“ fernsehhaft dramatisch gestaltet, die eine oder andere Figur kommt über die Schablone nicht heraus. Darüber liest man hinweg, weil vom Sog der erzählten Geschichte mitgezogen. Ich bin froh, dass ein Buch über ein so schwieriges Thema wie Nazideutschland, Holocaust und Mitläufertum so gelungen ist.

 

Annette Hess

Deutsches Haus

Ullstein 2018

 

365 S. – 20,00 €

 

Mehr zum Buch: http://bit.ly/anette_hess_deutsches_haus

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