Ein Deutscher in NY

Wolf Sander

 

Was für ein durchgeknalltes Buch! Selten so ausdauernd gelacht wie bei Chris Kraus‘ Roman „Sommerfrauen Winterfrauen“. Da kommt ein deutscher Mittelstandsfilmstudent, Jonas Rosen heißt der auch noch, um für sich und Dieanderenfünf ein Filmprojekt vorzubereiten. Kulturfilm, 3-sat-gefördert und doch Underground. Thema: Sex, Teil eines Projekts des exzentrischen Professors Lila von Dornbusch (Filmenthusiasten richtig geraten! Dahinter steckt natürlich Rosa von Praunheim, schwuler Skandalregisseur der 80, 90er Jahre.)

 

Jonas Rosen kommt aus der Wohlfühlzone der Berliner Filmhochschule in die reale Hölle des gefährlichen New Yorks, also nicht Big Apple, sondern Bronx und schlimmer. Wohnen darf Jonas Rosen bei Jeremiah Fulton, auch der ein in die Jahre gekommener Filmregisseur und Professor. Wenn schon die Umgebung einem knallharten NY-Gang Film gleicht, ist das gar nichts im Vergleich zu Jeremiahs Wohnhölle. Dagegen sind unsere Bilder von Messie-Wohnungen aus dem kommerziellen Trash-Fernsehen bestenfalls B-Movies. Fett, schwul und verwahrlost haust Jeremiah auf einer Müllhalde von Essensresten, Papierbergen (enthalten aber Originale der Größen der Beatnik-Generation) und den vertrockneten Resten menschlicher und tierischer Ausscheidungen. Denn weitere Mitbewohner sind drei mutierte Haustiere, die Mitglieder aus dem Insektenreich nicht mitgezählt.

 

Was als Abrechnung einer heruntergekommenen, bedeutungslos gewordenen Undergroundszene beginnt, wendet sich nach dem ersten Drittel von Chris Kraus Roman „Sommerfrauen Winterfrauen“ zur Lebenssinnsuche eines Endzwanzigers. Jonas Rosen verweigert sich anfänglich konsequent jeglicher Auseinandersetzung mit der familiären Vergangenheit: Motto 10 mal wiederholt: Ich drehe keinen Nazischeiß! Damit nicht genug, auch das Liebesleben von J.R. gerät heftig ins Wanken. Denn es taucht neben seiner Betreuerin Nele vom Goethe Institut NY auch seine unverbrüchlich geglaubte Beziehung zu Mah auf, die daheimgeblieben in Berlin ist und der er in tragisch-komischen Telefonaten seine Treue versichert. Mah die Winterfrau und Nele die Sommerfrau, ein explosives Gemisch!

 

Und dann gibt es da noch Tante Paula Hertzlieb, Holocaustüberlebende, Künstlerin mit Alterswohnsitz in einer luxuriösen Seniorenresidenz, Krebs im Endstadium. Tante Paula setzt alles daran, J.R. die Familiengeheimnisse näherzubringen. Und sie sucht einen Chauffeur für die letzte große Reise quer durch die USA.Jonas Rosens Weltbild gerät durcheinander, Vorsätze und Pläne zerfallen und Filmkunst erscheint nur noch als Surrogat.

 

Chris Kraus, selber Filmemacher, Drehbuchautor und Romancier hat einen rasanten, anrührenden und doch urkomischen Roman geschrieben. Nichts für Leser mit niedriger Ekelschwelle, Hollywood-HappyEnd-Süchtige, Sex-in-the-City-Junkies! Nein, so bitterböse unsentimental, dass man dauernd weinen möchte und im nächsten Moment sich schieflacht.

 

Chris Kraus

Sommerfrauen Winterfrauen

Diogenes 2018

 

413 S. – 24,00 €

 

Mehr zum Buch: http://bit.ly/kraus_sommerfrauen_winterfrauen

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