West-östlicher Divan

Wolf Sander

 

Kann und darf man ein sprachlich nicht so überzeugendes Buch weiterempfehlen? Die Frage habe ich mir immer wieder gestellt bei der Lektüre von Michael Kleebergs „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“.

 

Die Idee, die diesem Buch zugrunde liegt, ist überzeugend. Orient – Okzident im Licht der Globalisierung von möglichst vielen Seiten her zu betrachten. Auswanderer, Einwanderer, Identitätssuche, die große Liebe, die Religionen, die Mythen, Jugend und Alter, wechselseitige Befruchtung west- und östlichen Denkens und der Kultur. All diese großen Themen des 21. Jahrhunderts, aber nicht nur dieses Jahrhunderts, sie finden sich wieder in diesem Buch. Wohl aus diesem Grund hat sich Michael Kleeberg, verschiedene Stilebenen in den Divan einfließen zu lassen. Und genau darüber bin ich bei der Lektüre nicht froh geworden. Da ist mir zu viel Wollen, zu viel Konstruktion, das angestrebte Gesamtkunstwerk leidet an den formalen Grundvoraussetzungen. Die Figuren erschienen mir wie Gedankenschablonen, fleischlos geworden unter dem Gewicht der Ideen, die sie transportieren müssen. Die Rahmenhandlung ächzt beim Versuch der Überleitung von einem Thema zu anderen, Dialoge sind so angestrengt, den Leser auf dem Stand der Dinge zu halten oder gar erklären zu müssen, wieso und warum nun dieses berichtet werden soll. Ich war hin und wieder versucht, die orientalisch nachempfundenen Passagen zu überblättern, gar soviel Kunstwollen nervt dann doch.

 

Nun gut, fangen wir von vorne an. Angelehnt an Goethes „West-Östlichen Divan“ unterteilt Michael Kleeberg sein „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ in zwölf Bücher mit so sprechenden Titeln wie Buch des Sängers, Buch der drei Lieben, Buch Daddschal und so fort. Versammelt haben sich Freunde an einem großen Tisch, um Vergangenes zurück zu erinnern und Gegenwärtiges zu betrachten. Mit dabei: Hermann, gescheiterter Doktorand der Philosophie, Aussteiger, mitfühlender Lehrer. Weiterhin: Maryam, aus dem Iran geflohene Sängerin; Bernhard und Ulla, engagierte Bürger mit Hang zum Gutmenschentum; Zygmund, ein polnischer Handwerker; Younes, Pastor aus dem Libanon, der arabischer Lyriker Kadmos und als Vertreter der Jugend, Navid und Ernst.

Die Erzählungen in den zwölf Büchern des Divans „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ kreisen und besagte Themen Orient – Okzident, die verschiedenen Blickwinkel, die Deutungen der Weltpolitik aus Sicht der Individuen. Sehr klug ausgeführt, vielschichtig orchestriert. Einiges gewinnt solche geistigen Höhen, dass ich Schwierigkeiten hatte, der philosophischen Diskussion zu folgen. Da helfen dann die erzählenden Personen weiter, die den Unbedarfteren der Tischrunde die Zusammenhänge erklären. Die Liebesgeschichten entwickeln sich dramatisch, streifen und überschreiten hin und wieder die Grenze zum Melodramatischen.

 

Zusammengefasst ergibt Michael Kleebergers „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ ein interessantes Bild zum Thema West – Nahost, immer der Objektivität und der engagierten Menschlichkeit verpflichtet. Deshalb kann und werde ich dieses Buch empfehlen, trotz des bemühten Happy Ends.

 

Zurück zur Ausgangsfrage. Ja, man kann. Nur vermisse ich bei der Lektüre mein Herzblut, meine Leidenschaft, mir für dieses Buch die Nacht um die Ohren zu schlagen. Ich wurde gedanklich in vielfältiger Weise bei der Lektüre von „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ angeregt, fortgerissen wurde ich nicht. Es ist dieses Buch ja auch kein Roman, sondern wie im Untertitel anzeigt, ein Divan!

 

Michael Kleeberg

Der Idiot des 21. Jahrhunderts. Ein Divan

Galiani Verlag

 

254 S. – 24,00 €

 

Mehr zum Buch: http://bit.ly/kleeberg_21Jh

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