Private Eye

Wolf Sander

 

Ich gebe es zu, Krimis waren noch nie meine Leidenschaft, mit wenigen Ausnahmen. Als junger Mann las ich Chandler und Hammett. Mich interessierte aber mehr die Pose des hardboiled private eye, Trench, Zigaretten, Whisky und eine die Fingernägel lackierende Sekretärin. Mit ein paar geistigen Verrenkungen schaffte ich den Sprung zu Sartre und Camus, anders hätte ich die Lektüre solcher Trivialliteratur weder vor mir noch vor meinen Kommilitonen rechtfertigen können.

 

Karl Wolfgang Flender hat mit „Helden der Nacht“ ein Wunderwerk geschrieben: Großstadtroman, Tristesse-Doku Privatdetektiv, sarkastische Medienkritik, Hipsterpersiflage, Liebesgeschichte, Kifferdeliriumsprosa. Das klingt nach Überorchestrierung, ist es aber nicht. K.W. Flender schafft mit wenigen Sätzen, oft mit nur einer Formulierung, mehr Atmosphäre wofür Wenigbegabte zwei Seiten und mehr brauchen. Z.B. nächtliche Observierung eines Fremdgehers: „Warum musste es auch so scheißdunkel sein beim Observieren? Wegen der Spannung, klar. Aber das hier war öder als ein Tatort aus Hannover.“ Alles klar?!

Und das ist nur das Vorspiel. Bryan Auster, oh diese Namen der „Helden der Nacht“, die allein sind eine Klasse für sich. Bryan also soll Papa vertreten. Papa ist Privatdetektiv, hat Rücken und muss auf Kur. Bryan übernimmt das Tagesgeschäft (Motto der Detektei: Jeder hat seine Geheimnisse – wir verraten Ihnen, welche.) Observieren von Seitensprüngen, natürlich nachts. Bryan gerät, unversehens, in einen echten Kriminalfall und als Störfall in die Mordermittlungen von Colleen McCullum. Die könnte nun wirklich einem Tatort entstiegen sein: Übermüdet, vom Beruf als Kommissarin angeödet, angepisst vom überkorrekten Vorgesetzten-Macho, genervt vom zu jungen „Zweiten“, ihr eigentlicher Ermittlungskollege ist krankgeschrieben, wegen was auch immer.

 

K.W. Flender lässt in „Helden der Nacht“ die zwei Ebenen Privat- und Beamtenermittlungen aufeinander los, sich unaufhaltsam nähern, so nahe sich kommen, dass sie nur noch gemeinsam den Fall lösen können. Oder sind es mehrere Fälle? Cyberkriminalität, Verbrechen aus Rache, Verbrechen unter dem Deckmantel von Selbstjustiz, rechtsradikaler Untergrund?

 

Mittendrin und nicht nur dabei, das wäre auch ein Motto des Romans. Leser*in auf der Höhe der Ermittlungen beider Seiten, selbst sich in der Rolle der Ermittler*in wiederfindend. Natürlich wissen wir alle wie das geht, haben ja jahrelang Erfahrungen gesammelt am sonntäglichen Lagerfeuer ab 20:15 im Ersten.

 

Der Plot soll nicht verraten werden. Er ist spannend, vielschichtig und perfekt getimt. Die Atmosphäre zieht Leser*in ins Geschehen. Ständig lacht man in sich hinein. In welchem Tatort hat man das gehört, oder doch Chandler, Hammett? Müsste man doch mal wieder lesen. Nein weiter im Text, ist spannend! Und, kann Bryan Laura retten? Hoffentlich!

 

Karl Wolfgang Flender

Helden der Nacht

Dumont 2018

 

400 S. – 22,00 €

 

Mehr zum Buch: http://bit.ly/flender_helden_der_nacht

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