Hoffnung Europa

Wolf Sander

 

Litauen gehört zu Europa, weiß aber kaum jemand. Liegt ja auch am Rand, klein, irgendwo in der Nähe von Finnland. Und seit Litauen zur Europäischen Union und zum Schengen-Raum gehört, haben 30% der Litauer ihre Heimat verlassen.

Drei Paare und ein alter Mann feiern Sylvester-Neujahr 2007/08 die Aufnahme Litauens in den Schengenraum. Endlich können sie frei reisen und sich dort niederlassen, wohin sie sich wünschen. Für die einen ist das Paris, für die anderen London oder Venedig. Viel mehr haben sie nicht als ihre Träume, kaum Geld und wenige Sprachkenntnisse. Nur Großvater Jonas kann das alles nicht verstehen. Und an der Grenze zu Polen wartet Kukutis, alterslose Gestalt mit einem Holzbein, ewig auf dem Weg, in Not geratenen Litauern zu helfen. Nur weiß Kukutis, dass er immer zu spät kommen wird.

 

Mehr Personal ist nicht, hat Andrej Kurkows Roman „Kartografie der Freiheit“ auch nicht nötig. Der Leser*in zieht mit, nach London oder Paris, den Traumstädten, oder bleibt mit einem Paar daheim, oder zieht mit Kukutis per Anhalter von Ost nach West.

 

Andrej Kurkows „Kartografie der Freiheit“ ist kein Flüchtlingsdrama mit Wüsten- und Mittelmeerquerungen. Es sind ganz normale junge Menschen, denen wir zuschauen, keine Hochbegabten oder Fachkräfte, nach denen unsere Wirtschaft schreit. Und als sie in Paris und London ankommen, empfängt sie nicht der rechte Pöbelmob, sondern der harte, neoliberale Alltag, hart, unbequem, teuer und fremd. Und die Daheimgebliebenen? Auch ihnen geht es nichts besonders, dienen nicht als Mahnung „Bleibe daheim und nähre dich redlich“. Auch ihr Alltag ist mühsam, sie leben mehr hoffend als erwartend.

 

Warum Kurkows „Kartografie der Freiheit“ lesen, der zudem über 600 Seiten lang ist? Einen Roman, ohne hochdramatische Zuspitzungen, getragen von einem ruhigen Erzählfluss? Wechselnd erlebt Leser*in den Werdegang der drei Paare und die Wanderung Kukutis‘. Wir erfahren viel über uns selbst, über unsere westliche Welt aus dem Blickwinkel von „Fremden“. Und wir lernen die uns fremde Kultur Litauens kennen, die einmal zu den bedeutendsten Europas gehörte. Aber das Wichtigste: hoffentlich halten wir inne, horchen auf, wenn die Vorurteile hochkochen: Wirtschaftsflüchtlinge, Sozialsystem-Trittbrettfahrer und was sonst noch an Verunglimpfungen salonfähig geworden ist. Es ist zu hoffen, dass „Kartografie der Freiheit“ hellhörig werden lässt, wenn Abschottungspolitik als „gesteuerte Einwanderung“ etikettiert wird.

 

Es sind Menschen, die ihre Heimat verlassen, die keinen Weg sehen, ihre Träume daheim zu verwirklichen. Diesen Menschen eine Stimme zu verleihen, uns an ihren Hoffnungen, aber auch an ihrem Scheitern teilhaben zu lassen, ist die große Kunst Andrej Kurkows. Und eventuell denken wir darüber nach, wie es bei uns, in Deutschland mal war. War da nicht mal was, Mitte und Ende des letzten Jahrhunderts?

 

Kein aufregendes Buch – ein nachdenkliches, anregendes Buch.

 

Andrej Kurkow

Kartografie der Freiheit

Haymon 2018

 

622 S. – 29,90 €

 

Mehr zum Buch: http://bit.ly/kurkow_freiheit

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