Das Offensichtliche und das Verborgene

Wolf Sander

 

Nicht gut angekommen bei der Kritik, jedenfalls bei der in der FAZ, ist Michael Krügers Roman „Vorübergehende“.  Da ist die Rede vom selbstgefälligen Aufspießen Allerweltsungemach. Ja, wem geht es nicht auf den Keks, die Verspätungen bei der Bahn? Wer sieht nicht den Untergang des Abendlandes beim Anblick in ihre Smartphones versunkener Jugendlicher? Früher war alles besser, sogar die Zukunft – hat schon Karl Valentin vor ein paar Jahren wundersam visioniert.

 

Aber was erzählt Michael Krüger in seinem Roman „Vorübergehende“?

 

Da ist zuerst einmal der altersweise, vor sich hin grantelnde Unternehmensberater und Coach. In der Bahn sitzend, räsonierend, das Abgleiten in stromlinienförmige Banalitäten an sich selbst beobachtend. Der Slogan Stärken stärken Schwächen schwächen ist zum Verkaufsschlager geworden, Buchtitel und Kerninhalt seiner hochdotierten Vorträge, Initiativreferate heißen die neudeutsch. Sein Erfolgsslogan war auch sein einziger origineller Einfall, der Rest dann nur noch Variationen des gleichen Themas. Aber das hat gereicht für Ruhm und ein bequemes Leben. Selbstbetrachtend erkennt er die Leere seiner Binsenwahrheit, begreift den Grund seines Erfolgs in der Folgenlosigkeit seiner Gedanken. Coach und Klienten sind versunken in der Selbstgefälligkeit. Ein paar eingestreute Boshaftigkeiten sind die Würze in einem Leben, das ansonsten der Optimierung der eigenen Bequemlichkeit gewidmet ist.

 

Die FAZ hat also doch recht? Nein hat sie nicht. Es reicht nicht, die Originalität der Darstellung von Ekel und Überdruss zu bewerten, um dem Kern von Michael Krügers „Vorübergehende“ näher zu kommen. Wie wäre es mit ein wenig Denkanstrengung? Wie wäre es mit der Suche nach dem Dunklen im Hellen, nach der Rückseite des Spiegels? Führt nicht das Abarbeiten von bekannten Unzulänglichkeiten dazu, um über die dagegen stehenden Visionen nachzudenken? Michael Krüger ist weder Unterhaltungsliterat noch Ratgeberschreiberling. Er beobachtet sehr genau unsere Wohlfühlgesellschaft und erkennt geistesgegenwärtig die Kehrseiten, die Ränder und die Gefährdungen derer, die an diesen Rändern leben – müssen, dürfen oder wollen. 

Meine Empfehlung, Michael Krüger „Vorübergehende“ zu lesen, ist kein nachgereichter Geburtstagsgruß an den am 10.12. fünfundsiebzig Jahre alt gewordenen Verlagsleiter und Autoren. „Vorübergehende“ hat mich allein schon vom Aufbau her fasziniert. Im Moment des Stillstands – die lästige, wie auch immer begründete Unterbrechung einer Fahrt mit dem ICE von-nach  - ist der Beginn eines Aufbruchs. Der Kopf eines Mädchens sinkt an die Schulter des Erfolgscoach. Das schlafende Mädchen, unbegleitet, mittellos, ohne Papiere, erweckt das Mitleid, das Mitmenschliche im Zyniker. Nicht der naheliegende Gang zur Bahnhofsmission wird beschritten, sondern die Tür geöffnet zur eigenen Welt, auf die Gefahr hin, die eigenen Selbstgewissheiten zu verlieren. 

 

Michael Krüger belässt es bei diesen Ungewissheiten. Nichts wird aufgelöst, es gibt kein Happy End als Belohnung für mitbürgerliches Engagement. Schon der Titel stellt die Frage, wohin gehen sie, die Vorübergehenden? Oder sind die Vorübergehenden nur Schimären, im nächsten Moment aus den Augen, aus dem Sinn? 

 

Michael Krüger

Vorübergehende

Haymon 2018

 

195 S. – 19,90 €

 

Mehr zum Buch:  http://bit.ly/vorübergehende_krüger

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