Ein Band - Eine Straße

Jens Köster

 

Das Projekt, welches weltweit alles verändern wird, trägt diesen simplen Namen. Ein Band - Eine Straße (One Belt - One Road). Romantisch klingen auch die Bezeichnungen Seidenstraßen. Dabei ist es ein einzigartiges Großprojekt, das seit 2013 die Interessen und Ziele der Volksrepublik China unter Staatspräsident Xi Jinping zum Auf- und Ausbau interkontinentaler Handels- und Infrastruktur-Netze zwischen der Volksrepublik China und über 60 weiteren Ländern Afrikas, Asiens und Europas umspannt. Zu Land und auf dem Wasser wird dieses Vorhaben, nach aktuellen Schätzungen, mehr als 60% der Weltbevölkerung und 25% der Weltwirtschaft beeinflussen.

 

Auf den ersten Blick sind dies Straßen, Brücken, Häfen und Flughäfen, also Infrastrukturmaßnahmen, die in den über 60 Ländern von Shenzhen bis Duisburg  umgesetzt werden.

 

Shenzhen, das ehemalige Fischerdorf, ist heute, als eine Millionenstadt mit über 25 Mio. Einwohnern, ein High-Tech Zentrum Chinas, mit internationaler Bedeutung. In den letzten Jahren hat sich Shenzhen zum globalen Zentrum für Innovationen im Hardware- und Fertigungsbereich entwickelt. Hier arbeiten Unternehmen an der Erschaffung von völlig neuen Industrien. Der Staat toleriert neue Entwicklungen und gibt Startups die notwendigen Freiräume bei staatlichen Vorgaben, damit sie sich in China mit großer Geschwindigkeit entwickeln können. Transaktionen und alle sonstigen Aktivitäten, die von Nutzern in China in digitalen Anwendungen durchgeführt werden, liefern Startups eine riesige Menge an Nutzerdaten. Diese Daten werden eine wichtige Rolle in dem von der chinesischen Regierung im Jahr 2017 vorgestellten, nationale KI-Plan spielen, der die Methoden und Anwendungen im Bereich der künstlichen Intelligenz in der Theorie und Praxis weiterentwickeln soll. Nationale Forschungszentren für den Bereich deep learning, sollen China im Bereich KI, mit den gewonnenen Erkenntnissen, weltweit an die Spitzenposition vor allen anderen Ländern der Erde bringen.

 

Auf einer Fläche von 9,6 Millionen Quadratkilometer leben in China 1,4 Milliarden Menschen. Dieses faszinierende Land mit seinen etwa 150 Millionenstädten und so unterschiedlichen Klimazonen wird zukünftig eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung weltweiter Innovationen spielen. Dabei sind Themen, wie die Imitationen von Produkten, die Ausbeutung von Wanderarbeitern und der Umgang mit der Meinungsfreiheit nur einige der Themen, die unseren europäischen Wertevorstellungen vollkommen widersprechen.

 

Kaum ein anderes Land dieser Welt hat sich in den letzten Jahren so schnell im Bereich Digitalisierung entwickelt, wie China. Da häufig kein eigener Computer besitzt wird, gilt das Mobiltelefon in China als das persönliche Adressbuch, das dominierende und überall präsente Mittel zur Kommunikation, zur Informationsgewinnung oder zur Buchung einer Reise. Und es wird dazu verwendet, die täglichen Einkäufe zu erledigen. Eine noch stärkere Rolle, als der chinesische Handelskonzern Alibaba, der aktiv an der internationalen Verschmelzung des online- und offline Einkaufens arbeitet, spielt vor allem zur Zeit die Firma Tencent, die im digitalen Bereich Milliarden Umsätze erwirtschaftet. Tencent hat die App WeChat entwickelt, die heute monatlich aktiv von 938 Millionen User Accounts weltweit und davon zum größten Teil in China verwendet wird. Im Gegensatz zu der Idee, dass Menschen mit einer App, wie WhatsApp von Facebook, nur Chatten und Bilder austauschen sollen, werden über WeChat alle erdenklichen und täglichen Handlungen auf dieser einen digitalen Plattform abgewickelt. Dies reicht vom Bezahlungen bei Einkäufen, dem Buchen von Fahrkarten, der Organisation von Arztterminen, der Planung von Video-Konferenzen oder der Bezahlung im Restaurant mit WeChat. WeChat ist in China in nahezu allen Bereichen in den Alltag der User fest integriert. Anders als bei Google und Facebook, die den größten Teil ihres Umsatzes über Werbeeinnahmen generieren, erwirtschaftet Tencent durch das Ermöglichen von Transaktionen enorm hohe Umsatzzahlen. 

 

In Zeiten, in denen die Länder der europäischen Union auseinander driften, die USA einen Alleingang forcieren, ist China bemüht, die Länder entlang der Seidenstraße mit hohen Investitionen an sich zu binden. Finanziert über Darlehen von chinesischen Banken. Und häufig können hohe Darlehen, wie zum Beispiel für den Bau eines neuen Flughafens entlang der Seidenstraßen, nicht zurückgezahlt werden. Dann wird ein Leasingvertrag mit einer chinesischen Firma abgeschlossen, der ein Land durch den Bau des neuen Flughafens damit sehr langfristig an China bindet. Bei den Infrastrukturmaßnahmen werden chinesische Arbeiter eingesetzt, chinesische Materialien verwendet und die von China gewollte Planung umgesetzt.

 

Die Erschaffung einer neuen Infrastruktur, der Zugriff auf enorm wichtige Bodenschätze in den Ländern entlang der Seidenstraßen, und ein deutlicher, politischer Einfluß. All das wird durch das Seidenstraßenprojekt für China möglich. Dieses Projekt wird der gesamten Welt in den nächsten Jahren seinen Stempel aufdrücken. China bereitet sich damit ökonomisch, soziologisch und politisch auf die nächsten Jahre vor. Und die USA und Europa sind bemüht, ihre eigenen Pläne umzusetzen und können häufig nur zuschauen.

 

Peter Frankopan hat dieses sehr gute Buch zu den neuen Seidenstraßen geschrieben. Nie langweilig oder zäh, wie wir es von historischen Romanen oder Sachbüchern gewohnt sind. Dieses Buch schafft den Überblick zu diesem bahnbrechenden Projekt und ist informativ, unterhaltsam und sehr lesenswert.

 

Peter Frankopan

Die neuen Seidenstraßen

Gegenwart und Zukunft unserer Welt

Rowohlt, Berlin (2019)

352 S. - € 22,00

 

Mehr zum Buch: http://bit.ly/frankopan_seidenstrassen

 

Das ZDF hat eine sehr gute Reportage zu diesem Thema in der ZDF Mediathek veröffentlicht: https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/die-neue-seidenstrasse-teil1-100.html

 

Und lesen Sie auch hierzu die aktuelle Berichterstattung zum Besuch von Chinas Staatspräsident in Frankreich: https://www.nzz.ch/international/frankreich-china-macron-will-xi-jinping-grenzen-aufzeigen-ld.1469440

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